Rückblick  –  Samstag, 20.04.2002



Versteckte Wut kann sogar krank machen


Wenn sich Frauen zusammensetzen, um über ein Thema zu reden, das sie alle glei­cher­ma­ßen angeht, zu dem sie alle genügend eigene Erfahrungen gesammelt haben, und wenn es zudem auch noch ein sehr emotional beladenes Thema ist, dann tun sie das in einem anheimelnden Rahmen, sie machen es sich gemütlich.


Bild "fff:bild-archiv-2002-1-02.jpg"


NASTÄTTEN. Das gemeinsame Frühstück beim „Frühstücks-Treffen für Frauen“ im Bürgerhaus Nastätten bot wieder einmal einen solchen Rahmen, um sich dieses Mal mit dem Thema Wut auseinander zu setzen. Wohin mit meiner Wut? Diese Frage sollte näher betrachtet werden.

Der Begriff „Wut“, die emotionale Verbindung mit Aggressivität und Ohnmacht, musste erst ein­mal beruhigt werden. Odelia Lazar aus Niederwallmenach gelang dies nicht nur durch ihr einschmeichelndes Klavierspiel, sondern auch durch den optischen Eindruck, den sie er­zeug­te: mit schwarzen Haaren im roten Kleid am schwarzen Flügel, umgeben von roten und gel­ben Tulpen. Aufgewühlte Gedanken lassen sich auch durch Sinneswahrnehmungen über Au­gen und Ohren beruhigen.

So hatte es Claudia Sommer wesentlich leichter, durch das Programm zu führen. Sie stellte noch einmal die Zielsetzung des „Frühstückstreffen für Frauen in Deutschland“ vor, nämlich Aufgreifen verschiedenster Themen aller Lebensbereiche und deren Bearbeitung und Be­wäl­ti­gung aus der Sicht von Frauen. Es gibt keine Teilnehmerbegrenzungen, Frauen aller Her­kunft und Glaubenszugehörigkeiten sind herzlich willkommen.

Nach dem Frühstück sprach die Diplomsozialarbeiterin Ursula Koszudowski aus Kelkheim mit ih­rem Referat „Wohin mit meiner Wut?“ ihren Zuhörerinnen aus der Seele. Bei ihren Aus­füh­run­gen erhob sie nicht den Anspruch, eine therapeutische Abhandlung mit konkreten Hilfs­an­ge­bo­ten wiedergeben zu wollen, sondem Denkanstöße vorzustellen. Lebensnah, aus vielen Ge­sprä­chen und Erfahrungen ihres Arbeitsbereiches schöpfend, ging sie einfühlsam auf Be­griffs­de­fi­ni­ti­o­nen ein, Wirkung von Wut bei dem, der „gerade vor Wut kocht“ und dem, der „die­se Wut dann abbekommt“. Was bewirkt Wut körperlich, wie verändern welche Organe ihre Arbeitsweisen, wie funktioniert das Gehirn dann noch, welche Hormone werden frei­ge­setzt, warum kann ich bei Wut nicht mehr klar denken, wie wird meine Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit beeinflusst, warum bin ich plötzlich sprachlos?

Fragen über Fragen, die jeder für sich selbst beantworten kann, weil es niemanden gibt, der nicht schon einmal so richtig wütend war. Jeder erlebt seine Wut anders, die Gründe für die Wut sind für jeden verschieden. Die Ausführungen von Ursula Koszudowski verlangen den Frauen eine hohe Konzentration ab, dass es ohne eine kurze Pause nicht geht. Wut ist ein menschliches Gefühl, und sie zu verstecken, kann krank machen. Die Bewältigung von Wut nimmt bei Frauen vielfach einen anderen Weg als bei Männern. Frauen reagieren emotionaler, ziehen sich zurück, üben sich im Leidensdruck, geraten in Depressionen, setzen sich seltener mit den Ursachen ihrer Wut auseinander. So gibt es keine Rezepte, nur Denkanstöße, Wut schadlos an der eigenen Seele vorbei zu führen und abzustoßen.

Im Saal war eine Aura der Zusammengehörigkeit der Frauen zu spüren, etwas nicht näher Greif­ba­res hatte sie zusammengeschweißt, zu Verbündeten gemacht. Auch das gibt es wohl nur bei Frauen, wenn sie auf gemeinsame Gefühle angesprochen werden. Es war ja auch ein Frühstückstreffen für Frauen, nur für Frauen, mit einem Thema aus der Sicht von Frauen. Die Referentin wurde mit anhaltendem Beifall bedacht.

(Text und Foto: Norbert Schmiedel / Rhein-Lahn-Zeitung vom 23.04.2002)

Verstanden


Zur optimalen Gestaltung und weiteren Verbesserung unserer Website verwenden wir Cookies. Durch die Nutzung unserer Seiten stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.   Datenschutzhinweise