Rückblick  –  Samstag, 16.04.2005



Die Zukunft der Kinder – was geht sie uns an?

„Kindern fehlt Orientierung“ – Pädagogin und Theologin Irmgard Weth referierte beim Frühstückstreffen


NASTÄTTEN. „Fürsorgliche Belagerung“ heißt ein Roman des Nobelpreisträgers Heinrich Böll. In dem Buch wird eine Familie in der Zeit des deutschen Linksterrorismus so gut vom Staat beschützt, dass sie letztlich ein Stück ihrer Selbstständigkeit verliert. In einer ähnlichen Situation befinden sich nach der Meinung von Irmgard Weth heute auch viele Kinder.

„Die Zukunft unserer Kinder – was geht sie uns an?“, hatte die Ausbilderin von Erzieherinnen und Diakonen ihr Referat überschrieben, das sie beim „Frühstückstreffen für Frauen“ im Nastätter Bürgerhaus hielt. Viele Eltern spürten offenbar einen Zwang, ihre Kinder auf Schritt und Tritt zu begleiten und zu umsorgen – „fürsorglich belagern“ eben.

Als Ursache für die Überversorgung nannte die Pädagogin und Theologin die aktuelle „Bildungshysterie“ und den Wunsch, ein „Elitekind“ aufzuziehen. „Diese Kinder lernen nicht mehr, wie sie mit Frustrationen umgehen können“, warnte Weth die 120 Frauen, die zu dem Treffen gekommen waren.

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Bei solchen Zwängen gerieten viele andere Jungen und Mädchen ins Hintertreffen. Kinder etwa, die behindert zur Welt kommen. „Auch das sind gottgewollte Menschen“, mahnte die 61 Jahre alte Referentin. Ihre Eltern müssten sich jedoch fragen lassen, „ob man so was heute nicht schon vor der Geburt ausschließen kann“.

Weiterhin hätten bei der Faszination für „Elitenachwuchs“ auch kranke Tschernobylkinder oder die von Armut betroffenen Familien in der Bundesrepublik gesellschaftlich keine Chance. Den „Verlust an Hoffnung und Orientierung“ bezeichnete Irmgard Weth als ein Hauptmanko. An die Stelle alter „Kulttempel“ wie Rathaus und Kirche seien Fastfood-Lokale, Fitness-Studios und Freizeitparks getreten.

So veranschaulichte sie den Wertewandel in ihrer mit vielen Zitaten bestückten Rede. Die Eltern opferten viel Zeit, weil sie dem Drang „möglichst viel und möglichst schnell“ zu konsumieren nachgäben und gemäß der Attitüde „gut ist, was Spaß macht“ lebten. Den eigenen Sprösslingen fehle daher Zuwendung.

Der Hedonismus der Erwachsenen führe schließlich bis zum Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern. „Hoffnung für alle“ forderte Weth im letzten Abschnitt ihres Vortrags. Dazu gehörten Schutzräume, die nicht einem „goldenen Käfig“ glichen und in denen Kinder Vertrauen und Freiheit erfahren dürften.

Kinder waren beim „Frühstückstreffen für Frauen“ aber nicht nur das Thema. Sie gestalteten auch das Programm mit. So sang der Kinderchor von Dekanatskantor Markus Ziegler zur Einstimmung einige Lieder. Später trat der Katzenelnbogener Tobias Ott am Klavier auf. Außerdem bat Irmgard Gerullis vom Verein Frühstückstreffen Beate Hartmann aus Idstein ans Mikrofon.

Die 48-Jährige berichtete von ihrem Sohn, der mit einem Down-Syndrom zur Welt kam. Später nahm ihre Familie zwei Mädchen auf, von denen eines eine „stürmische Pubertät“ durchmachte, kurze Zeit in die Psychiatrie musste und schließlich ein Kind bekam, das nun bei der Großmutter aufwächst. Zweifel an Gott und Rückkehr zum Glauben bildeten das Schlüsselmotiv in Beate Hartmanns Bericht.

(Text und Foto: Thorsten Stötzer / Rhein-Lahn-Zeitung vom 18.04.2005)

Verstanden


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